Meine Geschichte mit Klang in der Behindertenarbeit

Von Günter Stadler


Ich bin 57 Jahre alt und arbeite mit Klang und Shiatsu in eigener Praxis in Unterzeitlbach, nördlich von München. Mein Tätigkeitsbereich umfasst auch Kinesiologie, Rückenschule nach Dorn, Breuß-Massage, Thailändische Fuß- und Ölmassage sowie Seminarleitung in der Erwachsenenbildung.

Seit 2006 arbeite ich in München in betreuten Wohneinrichtungen der Lebenshilfe, momentan sind es vier. Etwa einmal im Monat kommen zwischen 18 und 20 Bewohner in Einzelsitzungen in den Genuss einer Klangmassage von 30 - 45 Minuten. Die Menschen, mit denen ich dort arbeite, haben die verschiedensten Arten von Behinderungen. Es sind Menschen dabei mit Down-Syndrom, Erwachsene mit Hyperaktivität, Autisten, Spastisch gelähmte Menschen, Menschen mit Verhaltensstörungen, Angststörungen, erhöhter Aggressionsbereitschaft und zum Teil mehrfach geistig und körperlich behinderte Menschen.


Vor der ersten Klangmassage spreche ich meine Art zu arbeiten mit den Betreuern durch. Mein Ansatz ist, Entspannung anzubieten und jeder kann und darf für sich und zu seinem höchsten Wohle nehmen, was im Moment für ihn passt und wichtig ist. Ich lege Wert darauf, dass auf jeden Fall bei der ersten Klangmassage ein Betreuer, eine für den behinderten Menschen vertraute Person dabei ist, um ihm Sicherheit zu geben. So sieht der Betreuer auch, wie ich arbeite und mit den Menschen umgehe und kommt außerdem auch in den Genuss der Klänge. Für die meisten Betreuer ist es der erste Kontakt mit Klangmassage und es kommen Reaktionen wie: „Jetzt wäre ich beinahe eingeschlafen“, „Das geht ja durch und durch“, „Das ist richtig Klasse, da geschieht ganz schnell Entspannung“.

Allgemeines

Es ist mir wichtig, einen äußeren und inneren Raum zu schaffen, in dem sich der Betreute geborgen und behütet fühlt. Es entstehen im Laufe der Anwendungen Rituale, die sehr wichtig sind, weil sie den betreuten Menschen Vertrauen und Sicherheit geben. So möchten sie oft, dass immer die gleichen Schalen verwendet werden und der gleiche Anfang gemacht wird. Es ist teilweise schwierig, neue Elemente einzubauen, es braucht viel Zeit und Geduld bis diese zugelassen bzw. angenommen werden. Es ist immer absolute Aufmerksamkeit erforderlich, da jederzeit mit plötzlichen Reaktionen (z.B. Umdrehen) zu rechnen ist.

Diese Menschen sind sehr direkt und ehrlich. Das kann zu manchen Überraschungen führen, wie z.B. einen Kuss zu bekommen, innig gedrückt zu werden, gestreichelt zu werden, aber auch einmal die Schale in die Hand gedrückt zu bekommen ("Genug!"). Selbst wenn eine Unterhaltung teilweise nicht möglich ist, bekomme ich auf ganz spe-zielle Art Rückmeldung, wie der Klang angenommen wird. Es entwickeln sich im Laufe der Zeit ganz persönliche "Spiele" zwischen dem Nehmenden und mir.

Erfahrungen mit einzelnen Teilnehmern

Nach der ersten Klangmassage mit einem Erwachsenen mit Hyperaktivität meinte die Betreuerin: „So ruhig habe ich diesen Menschen in 15 Jahren nie gesehen. Wenn ich das im Fernsehen oder auf Video gesehen hätte, würde ich es nicht glauben.“ Dieser Mensch kam innerhalb von fünf Minuten in einen tiefen Entspannungszustand und konnte sich den bis zum Ende der Anwendung bewahren.

Ein anderer Teilnehmer wollte sich nicht hinlegen und den Klang lieber sitzend auf der Liege genießen. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie das funktionieren sollte. Zuerst war Panik bei mir und ein riesiges Fragezeichen in meinem Kopf. Ich bemerkte dann gar nicht, dass ich die große Beckenschale vor seine Füße stellte und anschlug. Inzwischen flitzte mein Hirn durch sämtliche Skripten und suchte nach einer Lösung. Ich war soweit, dass ich innerlich Peter verfluchte, weil das nirgends behandelt worden war. Zwischenzeitlich hatte ich die Gelenkschale hinter dem Sitzenden aufgestellt und schlug beide Schalen im Wechsel an. Der Mensch gab mir dann zu verstehen, dass er jetzt bereit war sich hinzulegen: Ich war wieder auf sicherem Terrain.
Erst am Abend, als ich zu Hause die Anwendungen Revue passieren ließ, kam der "Aha-Effekt". Es war der Moment gewesen, in dem ich auf der Basis der Klangausbildung meine ersten "eigenen" Elemente aus der Not heraus entwickelte und feststellte: es funktioniert! Danke, Peter, dass ich mein Eigenes entwickeln kann und darf. Mit der Zeit lernte ich immer mehr, mich auf die Besonderheiten, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen einzulassen und so für mich Neues zuzulassen und Vertrauen in meine eigene Intuition und Handlungsimpulse zu gewinnen.

Bei einem anderen Bewohner der Lebenshilfe rutschte mir die kleine Herzschale in Rückenlage ab und gegen sein Kinn. Ich war tief erschrocken und hatte wahrscheinlich einen hochroten Kopf. Der Betreute dagegen lachte aus vollem Herzen (über mein dummes Gesicht?) und wollte damit gar nicht mehr aufhören. Der Versuch, die Herz-schale mit einem Waschlappen zu stabilisieren, scheiterte an einem klaren "Nein!". Mit diesem Menschen ist die sprachliche Verständigung schwierig. Er versteht mich, doch es ist mir kaum möglich, ihn zu verstehen. Außer er will es, wie bei diesem "Nein!". Nun hat sich ein Spiel daraus entwickelt: Jedes Mal, wenn ich die Herzschale aufsetze, beginnt er zu lachen, ich habe den Eindruck er freut sich darauf, was passiert. Da ich die Herzschale jetzt mit einem Finger absichere (auf alle Versuche, sie anders zu sichern, kommt ein "Nein!") versucht er, die Beckenschale durch Husten oder kräftige Bewegun-gen seines gut ausgebildeten Bauchs zum Rutschen und Hüpfen zu bringen. Das ist ihm zu meiner Verblüffung und seiner Freude auch schon gelungen.

Ein Teilnehmer gelangt nur in tiefe Entspannung, wenn ich die Zen-Schalen anspiele. Zwar ist er auch vorher schon ruhig und döst vor sich hin, aber das tiefe Absacken ge-schieht nur beim Spielen der hellen Schalen.

Ich führe die Menschen gerne vor Beginn der Klangmassage mit Worten zu ihrer Mitte und mache das natürlich auch bei den behinderten Menschen. Es kommt im Allgemei-nen auch gut an. Nur einer legte mir seinen Zeigefinger auf den Mund und machte "psst": das war deutlich!

Einer der Menschen aus den betreuten Wohneinrichtungen fragte mich, ob Klang denn auch etwas für Tiere sei. Ich berichtete ihm von meinen Erfahrungen mit Hunden und Katzen und sagte ihm, dass auch Pferde Klang bekommen. Am Ende der Massage kam er hartnäckig wieder auf das Thema: Ob es denn bei allen Tieren möglich ist, mit Klang zu arbeiten? Als ich fragte, ob er denn an ein bestimmtes Tier gedacht hätte, platzte es förmlich aus ihm heraus: „Weißer Hai! Haha, haha...“

Ein anderer verweigert es, sich auf die Liege zu legen, er misstraut den dünnen Holz-beinen der Liege. Er ist ein Mensch mit Down-Syndrom und Parkinson. Wenn ihm das Zittern zuviel wird, legt er sich gerne auf den Boden, um sich zu stabilisieren. Inzwischen bereite ich eine Couch für ihn vor und nach anfänglichem Zögern legt er sich jetzt gerne dorthin. Anfangs beobachtete er genau, was ich tue, hielt die Schalen immer wieder an und freute sich dann, wenn sie wieder erklangen. In der Zwischenzeit ist er nach spätes-tens zwei oder drei Minuten in einer tiefen Entspannung, und am Ende der Klangmas-sage dauert es eine ganze Weile, bis er wieder im Hier und Jetzt ist. Sein erster Kom-mentar: „Montag wieder!“ (Ich arbeite dort Freitagnachmittag.)

Ein anderer Teilnehmer wollte den Klang beim ersten Mal sitzend auf dem Stuhl empfangen. In der Zwischenzeit ja kein Problem mehr für mich. Er ging sehr schnell in die Entspannung, aber auf meine Frage, ob er sich jetzt nicht doch hinlegen wolle, kam ein Kopfschütteln. Als er wenig später seitlich vom Stuhl zu kippen drohte, stützte ich ihn und er sagte: „Nächstes Mal liegen“.

Bei den teilnehmenden Hörbehinderten ist es so, dass sie fragen, ob sie ihre Hörgeräte abschalten dürfen, um so den Klang mehr über den Körper zu erfahren und ohne Nebengeräusche. Auch bei diesen Menschen tritt schnell eine tiefe Entspannung ein. Am meisten verblüffen und beeindrucken mich die Bilder, die die behinderten Menschen bei der Klangmassage haben und mir auch gerne weitergeben, wie z.B. Glocke, Orgel, Kirche, Himmel, Engel. Beim Einsatz vom Shanti kommt sehr oft: Spieluhr. Ein weiterer Kommentar eines Bewohners: „Das war das Schönste, was ich in meinem ganzen Leben erlebt habe“.

Manchmal frage ich mich tief in meinem Inneren: Wer bitte ist jetzt hier der Behinderte? Viele dieser Menschen haben im Monat 100 Euro Taschengeld zur Verfügung und sind gerne bereit, regelmäßig davon 20 bis 30 Euro für Klang auszugeben. Mich beeindruckt tief, wie viel ihnen die Klangmassage im wahrsten Sinne des Wortes wert ist.

Aus der Sicht der Betreuer

„Unsere Bewohner reden nicht viel über ihre Empfindungen, aber sie wirken ruhiger auf mich und sie freuen sich jedes Mal auf die Klänge.“ „Nach der Klangmassage sind die Menschen ausgeglichener.“ „Ein Bewohner unserer Einrichtung, der fast kein Wort sprach, ist jetzt mit vielen Worten gut unterwegs.“ „Einige möchten am liebsten jeden Tag Klang, können es gar nicht abwarten bis zum nächsten Termin. Es wird immer wieder nachgefragt, wann denn endlich der nächste Klang ist.“ „Das Verhalten in der Gruppe hat sich positiv verändert, die Bewohner sind kontaktfreudiger und umgänglicher.“ „Klang ist für einige im Moment das größte Bedürfnis, der größte Wunsch.“ „Die Betreuten wirken zufriedener.“

Aussage einer Krankengymnastin, die mit Betreuten arbeitet, die auch Klang bekommen: „Der gesamte Muskeltonus hat sich total geändert und ist viel weicher geworden. Genauso wird der Mensch auch in der Gruppe wahrgenommen: viel weicher und zugänglicher.“

Persönliches Fazit:

All diese Geschichten sind ein Teil der ganz persönlichen Erfahrungen, die ich in mehreren Jahren gemacht habe. Für mich ist Klangmassage mit behinderten Menschen im betreuten Wohnen eine sehr befriedigende Arbeit. Es ist ein sehr direktes, voll konzentriertes Arbeiten, das fordert und mit viel Freude und Spaß verbunden ist. Und es ist vielen, vielen Überraschungen gewürzt. Jeder einzelne Teilnehmer ist mir ans Herz gewachsen.

Aus den vielen Überraschungen (und manchem Schreck) heraus habe ich die größten Geschenke bekommen: Ich habe gelernt, mich in kurzer Zeit auf total verschiedene Charaktere einzustellen, eigene Elemente zulassen zu können und gelassen zu reagieren, was immer auch passiert.

In fast allen Fällen ist es den behinderten Menschen und mir gelungen, uns aufeinander einzulassen und das Ganze spielerisch anzugehen und geschehen zu lassen. Mit einem Menschen ist es noch nicht ganz gelungen, doch auch bei ihm werden die Ruhephasen länger und ich hoffe, auch hier in absehbarer Zeit vom "Kampf" zum Spiel übergehen zu können.

Unterzeitlbach, im Oktober 2009

 

 

Wir laden alle unsere Ausgebildeten ein, uns Erfahrungsberichte über den Einsatz von Klangschalen in verschiedenen Arbeitsfeldern zu schicken. Eine Veröffentlichung auf unserer Homepage erfolgt dann in Absprache. Bitte wenden Sie sich an Frau Dr. Christina M. Koller
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Vom Institut empfohlene Links:

Klangmassage Fachverband
Original Peter Hess Qualitätsklangschalen
Literatur zur Klangmassage
Senang
Das Peter Hess Zentrum in Schweringen
Sangit Bazar