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Die Wirkung der Klangmassage beim Suchterkrankten

Von Dr. med. Bärbel Fichtl

Im Rahmen von regulären, stationär durchgeführten Alkohol- und Drogenentzügen wurden circa 400 Klangmassagen auf renommierten Entzugsstationen in Wien und Niederösterreich durchgeführt. In den begleitenden Erhebungen wurde auf die Akzeptanz der Methode, die Beeinflussung von Schmerz- und Stimmungszuständen, sowie auf mögliche Veränderungen des Verhaltens Bezug genommen. Die Patienten wurden dabei einzeln und standardisiert befragt. Das Ergebnis der Befragung sowie die Beobachtung der durchführenden Fachkräfte lässt folgende Rückschlüsse zu: Die Klangmassage setzt als non-verbale und körperorientierte Methode an folgenden Punkten an:


1. Psychodynamische Einflussnahme

 

vertrauensbildend – stabilisierend – ressourcenorientiert – regressionsfördernd und nachnährend


Die häufig bestehende misstrauische Haltung von Suchtkranken gegenüber Einflussnahme von außen ist im Fall der Klangmassage verschwindend gering. 98 Prozent der Patienten konnten das Angebot nützen, ohne es, wie es häufig bei anderen angebotenen Methoden geschieht, abzuwerten oder sich dem Angebot zu entziehen.

Die Klangmassage zeichnet sich also durch ein besonders hohes Ausmaß an Akzeptanz beim einzelnen Patienten aus. Die Anwendung der Klänge wurde durchgehend als angenehm erlebt. Lediglich 0,2 Prozent der Patienten wollten von dem Angebot keinen Gebrauch machen.
Rückmeldungen wie: »Ich habe mich umsorgt und geschützt gefühlt«, decke sich mit den objektiven Beobachtungen.
Da es sich dabei um ein nonverbales Verfahren handelt, tritt die Person des Klanggebenden/Klangbehandlers in den Hintergrund. Negative Übertragungsphänomene finden daher weniger statt.

Die Patienten konnten stärkende und positive Erfahrungen auf der körperlichen und auch auf der Beziehungsebene erleben.

2. Einflussnahme auf emotionaler Ebene

Durch das Zusammenwirken von Klang und Entspannung findet eine Einflussnahme auf das Auftreten von hochenergetischen Gefühlen statt. Das Erregungsniveau wird unmittelbar aber auch langfristig gesenkt. Unter dem Phänomen der »affektiven Resonanzdämpfung« versteht man die Dämpfung heftiger Gefühle, wie Wut, Angst und Leere, die Menschen in krisenhafte Zustände versetzen können.

Gestörtes Affekterleben und mangelnde Impulskontrolle gelten als Charakteristika des suchtkranken Menschen, die in der Literatur immer wieder als große Belastung beschrieben werden. Gefühle von Minderwertigkeit, Langeweile, Einsamkeit, Leere, Depression oder Angst werden wesentlich elementarer, bedrohlicher und unerträglicher erlebt als beim Gesunden.

Diese Gefühle, derer der Süchtige Herr zu werden versucht, sind so ängstigend und überwältigend, als dass er sie zu Bewusstsein gelangen lassen könnte. Vielmehr erlebt er sich seinen Gefühlen ausgeliefert wie ein Säugling und empfindet einen diffus-schmerzhaften, beängstigenden und überwältigenden Uraffekt. Die Droge dient dabei zur Unlustvermeidung, da es sonst zu einer Reizüberschwemmung kommen würde.

Durch die regelmäßige Anwendung der Peter Hess®-Klangmassage findet eine Dämpfung dieses Uraffekts statt. Der Süchtige erlebt die jeweilige Situation weniger bedrohlich und kann damit aktiv in das Geschehnis eingreifen. Dies steigert seine Konfliktfähigkeit im Umgang mit anderen Menschen. Seine Frustrationstoleranz steigt, und damit seine Ich-Stärke. Unsere Patienten gewannen dadurch mehr Sicherheit im Umgang mit anderen. Bei Einzelnen wurde damit eine weitreichende Veränderung des Verhaltens möglich gemacht.

3. Einflussnahme auf der Wahrnehmungsebene und im Ich-Erleben


Durch die Reduktion von einvernehmenden Gefühlen kommt es zu einer weniger angstbesetzten Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die Sinneswahrnehmung wird dadurch differenzierter. Dies ist möglicherweise auf die starke akustische und taktile Stimulation durch die Klangschalen zurückzuführen. Die Tendenz, die Wahrnehmungen zu interpretieren lässt ebenfalls nach. Der Patient erlebt sich selbst in einem Zustand des »So Seins«. Dieser neue Zustand des sich selbst Erlebens ist per se heilend. Auch wenn der Betroffene sich für einen anderen Weg entscheidet (z.B. wegen eines hohen sekundären Krankheitsgewinns), so prägt sich dieser neu erlebte Zustand in sein Empfinden ein.

Der Patient merkt vorerst während der Klangmassagen, dass es ihm leichter fällt einzelne Klänge und Töne zu unterscheiden. Seine Konzentrationsfähigkeit verbessert sich. Das zu Beginn vorkommende »rasche Wegkippen« oder auch die »überkontrollierte« Haltung weichen nach und nach einem Ruhezustand, der der einfachen Erholung dient. Man gewinnt den Eindruck, als würde der Patient einen lange währenden Kampf aufgeben können.

4. Einflussnahme auf biochemischer Ebene

a) Das vegetative oder autonome Nervensystem (Sympathikus- Parasympathikus) reguliert vor allem Atmung, Blutkreislauf, Stoffwechsel, Wärme- und Wasserhaushalt des Körpers. Im körperlichen Entzug kommt es zu einer vegetativen Dysregulation, wie Zittern, Schwitzen, Unruhe, Nervosität, Angstzuständen, Muskelkrämpfen, etc. Durch die Anwendung der Peter Hess®-Klangmassage in der Entzugsphase erfolgt eine Regulierung der vegetativen Überreaktion. Damit ist die Klangmassage eine wesentliche Ergänzung zu den herkömmlichen Entzugsmaßnahmen, wie der medikamentösen Therapie und den Infusionsbehandlungen.
Ein überwiegender Teil der Patienten hat eine Verminderung dieser Entzugssymptome während der Klangmassage erlebt, bis max. 3 Stunden anhaltend.

b) Durch den bei der Klangmassage hervorgerufenen Entspannungszustand erfolgt eine Anregung der Endorphinausschüttung. Endorphine sind körpereigene Opiate, die eine Aufhellung der Stimmung und eine Schmerzlinderung bewirken können. Dabei mussten wir feststellen, dass es nur bei einigen unserer Patienten zu einer Verbesserung der Stimmung kam. Eine Verminderung der schmerzhaften Muskelkrämpfe, die ebenfalls auf die vermehrte Ausschüttung der Endorphine zurückgeführt werden kann, konnte jedoch deutlich besser beeinflusst werden.

5. Einflussnahme auf der Verhaltensebene

Eine konsequente Durchführung einer Klangmassage führt sukzessive zu einer Veränderung der Verhaltensweisen. Mehrere Patienten beschrieben einen deutlichen Rückgang von konfliktbehafteten Situationen. Sie beschrieben sich selbst als ausgeglichener, weniger reizbar und selbstsicherer im Umgang mit anderen.

6. Einflussnahme auf die Mechanorezeptoren und feinen Nervenendigungen der Haut und der Gelenke

Durch die Stimulierung der Fußsohlen und Unterschenkel mittels des vibrationalen Reizes der Klangschwingungen wird die Tiefensensibilität angeregt und die Durchblutung in diesem Gebiet gefördert. Damit wird die gefürchtete Polyneuropathie (PNP) des Alkoholikers positiv beeinflusst. Bei der PNP handelt es sich um einen Niedergang der peripheren Nervensysteme in Händen und Füßen durch toxische Vorgänge. Der Betroffene verliert die Berührungsempfindung in diesem Bereich. Da er seine Fußsohlen nicht mehr spüren kann, kommt es auch zu erheblichen Gangstörungen.

Durch die Klangmassage werden die feinen Nervenendigungen stimuliert. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf das Gebiet zwischen der Austrittsstelle der Nervenwurzel im Rückenmark und den peripheren Endzonen gelegt. Die Empfindungen kehren in den meisten Fällen bei gleichzeitiger Abstinenz rasch wieder zurück.

Zusammenfassung

Die Peter Hess®-Klangmassage kann im Rahmen der Sucht-Therapie folgende Aspekte positiv beeinflussen:
- Gute Beeinflussung der vegetativen Symptomatik in der Entzugsphase:

  • Schwitzen
  • Zittern
  • Unruhe
  • Angstzustände und Schmerzzustände im Entzug
  • Bei Schlafstörungen: Deutliche Verbesserung des Einschlafens, weniger Albträume.

- Gute Beeinflussung von Langzeitfolgen des Suchtmittelabusus wie:

  • Polyneuropathie
  • Ödembildungen.

- Gute Einsatzmöglichkeiten im Rahmen von therapeutischen Interventionen
- Dekonditionierung
- Entkopplung der »Angstschleife«
- Reduktion selbstzerstörerischen Verhaltens
- Erhöhung der sozialen Kompetenz:

  • Deutlich höhere Konfliktfähigkeit
  • Weniger impulsive Handlungen
  • Gelassenere Haltung
  • Die Patienten fühlen sich weniger bedroht und persönlich angegriffen.

- Stärkung des Kern-Selbst und der Selbstfunktionen (Definition des Selbst im Sinne der Gestalttherapie nach Fritz Perls):

  • Stärkung der Selbstwahrnehmung
  • Besserer Zugang zu Gefühlen und eigenen Bedürfnissen, Entwicklung einer »authentischen Persönlichkeit«
  • Weniger Überlagerung durch wenig kontrollierbare und heftige Empfindungen wie Hilflosigkeit, Einsamkeit, Wut, Angst, Machtlosigkeit und Leere im Sinne einer Selbstaktualisierung
  • Mobilisierung wichtiger Selbstfunktionen für das bewusste Handeln im Umweltfeld. - Stabilisierung Verbesserung der Ich-Struktur, Erhöhung der Belastbarkeit.

Praxisbeispiel: Herr H.

Herr H. kommt nach einem 8-wöchigem stationären Aufenthalt in einer Psychiatrischen Klinik erstmals in die psychotherapeutische Praxis. Er leidet seit zwei Jahren unter Depressionen und Angstzuständen, die er durch kompensatorisches Trinken von Alkohol versucht unter Kontrolle zu bringen.

Bei Erhebung der Anamnese zeigt sich ein maßregelnder, zu Aggressionsdurchbrüchen neigender dominanter Vater, der die gesamte Familie des Patienten bestimmte. Herr H. wurde von ihm seit Kindheit an zu Arbeiten in der Landwirtschaft herangezogen, wobei er sich kaum widersetzen durfte. Insgesamt war das Leben von Herrn H. durch Arbeit, Pflicht und Verantwortung bestimmt. Er heiratete früh, zog mit seiner Frau drei Kinder groß, baute ein Haus und ging seiner Arbeit in einer Baufirma nach. In seiner Freizeit half er Freunden, Kollegen und Geschwistern auf deren Baustellen. Kurz vor seinem 40. Geburtstag kam es aufgrund verschiedener Konflikte in der Firma und Streitigkeiten mit der Ehefrau zu einem Nervenzusammenbruch. Von da an litt er unter Angstzuständen mit erheblicher körperlicher Symptomatik, depressiven Verstimmungen und massiven Schlafstörungen. Der Patient befand sich auch während der psychotherapeutischen Sitzungen in einem sehr aufgebrachten Zustand. Er war zittrig und unruhig. Wenn er über seine Sorgen und Belastungen berichtete, traten Schweißausbrüche auf. Er konnte sich kaum konzentrieren. Aufgrund der heftigen körperlichen Beschwerden wurde parallel zu den therapeutischen Gesprächen mit Klangmassagen begonnen.

Während der ersten Sitzung kam es zu einer geringfügigen Steigerung der vegetativen Symptomatik. Zittern, Unruhe und Angstzustände verstärkten sich bei gleichzeitig eintretendem Wohlgefühl, d.h. der Patient nahm zwar eine Zunahme der Beschwerden wahr, befand sich jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits in einer entspannten körperlichen Verfassung, sodass er die Symptome als kaum bedrohlich empfand. Entspannung gilt dabei als angstinkompatibler Zustand, der imstande ist, diese zu reduzieren oder zu löschen. Es kam also zu einer »Entkopplung« der Angstschleife. Die Beschwerden liefen ohne die entsprechende gefühlsmäßige Zuordnung und Interpretation ab. Im Laufe der Sitzung überwogen die angenehmen Körpergefühle wie Wärme und ein Gefühl des »Gehalten Seins«, das der Patient mit der Umarmung seiner Frau verglich.

Bereits nach der dritten Klangmassage war eine gute Regulierung der vegetativen Symptomatik gegeben. Zittern, Unruhe und Schweißausbrüche waren kaum mehr vorhanden. Herr H. wirkte insgesamt ruhiger und gesetzter. Überfallsartig auftretende Angstattacken, wie er sie von früher kannte, waren selten geworden.

Weiterhin gelang es ihm, seine von Beginn an, sehr ausgeprägt überkontrollierende Haltung aufzugeben und mehr Vertrauen zu fassen. Situationen, die ihn vorher ängstigten, riefen keinerlei Verunsicherung mehr hervor. Er war also in der Lage, ein gewisses Maß an Urvertrauen zu entwickeln, was als wichtiger Hinweis für ein positives Wachstum seiner Ich-Strukturen gelten kann.

Zusätzlich begann er, tagsüber mehr Ruhepausen einzulegen und auf seinen natürlichen Körperrhythmus zu achten.
Das Einschlafen abends fiel ihm – im Gegensatz zu vorher bestehenden Einschlafstörungen – deutlich leichter. Die Trauminhalte veränderten sich. Es stellten sich plötzlich hilfreiche Hinweise für berufliche Entscheidungen ein. Es schien, als würde er nachts einen besseren und schnelleren Zugang zu seinen Wünschen und Bedürfnissen finden, als tagsüber, wenn er mehr Kontrolle über seine Gedanken und Fantasien hatte.

Obwohl er seine »geringere« Leistungsfähigkeit oft noch als Kränkung und Entwertung erlebte, konnte er die Tatsache, dass er nun einen deutlich besseren Zugang zu seinen Bedürfnissen und Empfindungen besaß, als positive Veränderung in seinem Leben werten. Er begann nun sich in den psychotherapeutischen Prozess vermehrt einzulassen und sein »neues Selbst« zu begrüßen. Die Abstinenz fiel ihm leicht, da er genügend Stabilität aufgebaut hatte, um sich den weiteren Prozessen zu stellen.

Auszug aus: Dr. med. Bärbel Fichtl: Die Anwendung der Klangmassage in der Suchttherapie, in: Hess/Koller (Hrsg.): Klangmethoden in der therapeutischen Praxis, Verlag Peter Hess, 2009, S. 176 ff.



Bärbel FichtlDr. med. Bärbel Fichtl
geb. 1965, Ärztin für Allgemeinmedizin, Assistenzärztin für Psychiatrie, Psychotherapeutin in eigener Praxis seit 1998. Langjährige stationäre Erfahrung in der Durchführung von Alkohol- und Drogenentzügen und in der ärztlichen und psychotherapeutischen Betreuung von Suchtkranken (Anton-Proksch Institut Kalksburg, Therapiezentrum Ybbs, Landesklinikum Mauer). Unterrichtstätigkeit für Krankenpflegeschulen in Niederösterreich. Supervision und Coaching für soziale Einrichtungen. Unterrichtstätigkeit in der Peter Hess®-Klangmassage für die Peter Hess Akademie in Wien, Österreich seit 2001.
Seit März 2008 in der ambulanten Betreuung von psychiatrischen Patienten für den PSD (Psychosozialen Dienst) der Caritas tätig.

 

 

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